Sprache und Schule – vorschulische Sprachförderung auf dem Prüfstand 
Angesichts der im Jahre 2006 eingeführten Richtgrößen im Bereich Sprachtherapie scheuen viele Ärzte die Verordnung notwendiger Heilmittel, da sie eine Überprüfung und einen möglichen Regress durch die Krankenkassen fürchten.
Die angehenden Schulkinder seien jedoch versorgt, so heißt es. Sie werden einer vorschulischen Sprachförderung ( bis zu drei Einheiten wöchentlich) zugeführt. Diese findet in Gruppen von 10 bis 20 Kindern statt und wird in der Schule durchgeführt. Das „Lehrpersonal“ für diese Fördermaßnahmen imponiert durch seine Auswahl. Es werden z.B. Sozialpädagogen, Psychologen oder sogar völlig fachfremde „Ein-Euro-Jobber“ für diese wichtige Aufgabe herangezogen. Eine Zusatzqualifikation für diese komplexe Aufgabe ist offensichtlich nicht notwendig. Auch in der Materialauswahl und Didaktik haben die „Lehrer“ meist freie Hand.
Die grundsätzliche Idee einer vorschulischen Sprachförderung ist durchaus positiv zu bewerten. Eine solch wichtige Maßnahme jedoch zwar durchaus engagiertem aber nur unzureichend ausgebildetem Personal zu überlassen ist schlichtweg unverantwortlich.
Um eine fachlich fundierte Therapie zu Lasten der Krankenkassen aus Kostengründen bzw. der Furcht vor einem möglichen Regress zu umgehen, werden die meisten Kinder –häufig ungeachtet der zugrundeliegenden Diagnose- in vorschulische Maßnahmen zur Sprachförderung eingegliedert. Viele dieser Kinder können von solchen Förderkursen jedoch nicht profitieren. Ihre sprachlichen Fähigkeiten, z.B. das Sprachverständnis, sind oftmals derart eingeschränkt, dass sie den Erläuterungen in einem Kurs mit mehreren Kindern nicht folgen können. Sie können rein verbal dargebotenem Lehrmaterial oftmals keinerlei Informationen entnehmen.
Oftmals hindert auch eine ausgeprägte auditive Wahrnehmungsstörung die Kinder daran, wichtige von unwichtigen akustischen Informationen zu trennen. Die Hintergrundgeräusche in einer Kindergruppe überlagern für sie alles andere. Die Erklärungen eines Lehrers erreichen sie erst gar nicht.
Störungen der Lautbildung, d.h. ein oder mehrere Laute oder Lautkombinationen können nicht korrekt ausgesprochen werden, führen ebenfalls zwangsläufig zu massiven Problemen im Schriftspracherwerb, da in den meisten Grundschulen zunächst nach dem Prinzip „Schreib, wie du sprichst“ gelehrt wird. Die Fähigkeit zur korrekten Lautbildung kann in den Förderkursen jedoch auch nicht erarbeitet werden.
Vorschulische Sprachförderung richtet sich in ihrer Grundidee in erster Linie an Kinder mit Migrationshintergrund, d.h. an Kinder, die die deutsche Sprache als „Zweitsprache“ oft nur unzureichend erlernt haben. Demzufolge behandeln die Förderangebote meist die Bereiche „Wortschatz“ und „Grammatik“. Auditive Fähigkeiten wie Merkspanne und Lautdifferenzierung oder korrekte Lautbildung, deren Beherrschung absolut notwendige Grundvoraussetzungen des Erlernens der Schriftsprache darstellen, werden nicht berücksichtigt.
An qualifizierten Fachleuten (Logopäden, Diplom-Sprachheilpädagogen) mangelt es keineswegs.
Die Befürchtung, dass Fachpersonal finanziell nicht umsetzbar sei, scheint haltlos. Unseres Wissens hat noch niemand bei den genannten Berufsgruppen angefragt, ob und wie eine fachlich qualifizierte Sprachförderung umgesetzt werden könnte.
Der Wert umfassender sprachlicher Fähigkeiten kann in einer Kommunikationsgesellschaft wie der unseren nicht hoch genug angesetzt werden. Nur Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die uneingeschränkt über das Kulturgut Sprache verfügen können, erhalten die Möglichkeit, vollwertige, nützliche und nicht zuletzt zufriedene Mitglieder unserer Gesellschaft zu werden.